Literaturtipps

Cover Beweise für die Nachwelt

Pilzweger-Steiner, Stefanie / Riedle, Andrea (Hrsg.): Beweise für die Nachwelt / Evidence for Posterity. Die Zeichnungen des Dachau-Überlebenden Georg Tauber / The Drawings of the Dachau Survivor Georg Tauber; Katalog zur Sonderausstellung / Catalog of the Special Exhibition. Berlin: Metropol 2018

Beweise für die Nachwelt zu schaffen war das Ziel Georg Taubers, als er unmittelbar nach seiner Befreiung aus dem KZ Dachau begann, das Erlebte künstlerisch festzuhalten. In zahlreichen Aquarell- und Bleistiftzeichnungen dokumentierte der bayerische Reklamezeichner eindrucksvoll den „Lageralltag“ und den Terror der SS. Seine Zeichnungen sind auch vor dem Hintergrund seiner Verfolgungsgeschichte einzigartig. Als ehemaliger „asozialer“ Häftling gehörte Georg Tauber einer Opfergruppe an, von der aufgrund der anhaltenden gesellschaftlichen Diskriminierung nach Kriegsende kaum persönliche Zeugnisse existieren. Georg Tauber bildet hier eine Ausnahme: Er gründete 1946 eine Initiative, die sich für die Interessen „asozialer“ und „krimineller“ KZ-Opfer einsetzte. In der Ausstellung „Beweise für die Nachwelt“ wird das Werk Georg Taubers erstmals öffentlich präsentiert.

 

Cover Temkin

Temkin, Moisej Beniaminowitsch: Am Rande des Lebens. Erinnerungen eines Häftlings der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Herausgegeben von Reinhard Otto. Berlin: Metropol 2017

Die Aussonderung „untragbarer“ sowjetischer Kriegsgefangener – Kommissare, Juden, Intelligenzler – zählt zu den größten Verbrechen des Zweiten Weltkrieges. Gemäß einer Absprache zwischen Wehrmacht und SS wurden ab Sommer 1941 weit mehr als 30.000 Rotarmisten „aussortiert“, in Konzentrationslager gebracht und dort ermordet. Dass dennoch ein Gefangener, ein jüdischer Offizier der Roten Armee, dieser systematischen Auslese entkommen konnte, ist ein Wunder. Moisej Beniaminowitsch Temkin hatte sich schon für die Erschießung auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen entkleidet, als er herausgewunken und in das zwei Kilometer entfernte KZ Dachau gebracht wurde. Von dort kam er wenig später in das Konzentrationslager Mauthausen, das er ebenso überlebte wie noch einmal das KZ Dachau, dessen Außenlager Friedrichshafen und die Konzentrationslager Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen. Temkin hat seine Erlebnisse nach Kriegsende detailliert beschrieben und damit ein einzigartiges Zeugnis für die Verbrechen an dieser oft vergessenen Opfergruppe hinterlassen.

 

Cover Ristic

Ristić, Ivan / Wipplinger, Hans-Peter (Hrsg.): Zoran Mušič. Poesie der Stille / Zoran Mušič. Poetry of Silence; Katalog zur Ausstellung, Leopold Museum Wien. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2018

Zoran Mušičs Zeichnungen aus dem KZ Dachau, wo er von 1944 bis 1945 inhaftiert war, sind erschütternde Zeitdokumente. In der Nachkriegszeit malte Mušič die ersten unverwechselbaren „Cavallini“ (Pferde) aus Dalmatien, ließ sich aber auch von den Hügelwelten Umbriens und der Toskana inspirieren. Mitte der 1950er Jahre definierte Mušič in seinen farbintensiven Arbeiten die Landschaft gleichsam als ornamentales Gewebe, um bald einen Schritt in die Abstraktion zu wagen. Nach 1963 fand er zunehmend zu einer anthropomorphen Auffassung der Landschaft. Das unauslöschliche Trauma der KZ-Erfahrung verarbeitete er abermals ab 1970 im Bilderzyklus „Wir sind nicht die Letzten“. Es folgten Stimmungsbilder aus Mušičs venezianischer Wahlheimat sowie zahlreiche in gedämpften Tönen gemalte Selbstbildnisse. Diese sind Zeugnisse einer unermüdlichen Suche nach den Antworten auf die Grundfragen der menschlichen Existenz.

 

Cover ZInn

Zinn, Alexander: „Aus dem Volkskörper entfernt“? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main / New York: Campus Verlag 2018

Über Jahrzehnte tabuisiert, rückt die Verfolgung homosexueller Männer in der NS-Diktatur erst in jüngster Zeit ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit. Woran es bislang mangelte, waren überregionale Untersuchungen, die einen Überblick über Alltag und Verfolgung Homosexueller im „Dritten Reich“ geben. Alexander Zinn legt nun eine Studie vor, die eine neue und umfassende Sicht auf dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte ermöglicht. Im Fokus stehen neben dem Schicksal der Betroffenen das Verfolgungsprogramm der Machthaber, das sich immer weiter radikalisierte, sowie die Rolle von Polizei, Justiz und Bevölkerung. Mit überraschenden Ergebnissen: So klafften Anspruch und Wirklichkeit der Verfolgungspolitik oft eklatant auseinander. Denn nicht immer erwiesen sich die Behörden als die „willigen Vollstrecker“, als die man sie heute meist sieht. Und auch die Bevölkerung arbeitete dem Verfolgungsapparat in weit geringerem Maße zu, als bislang oft unterstellt.