Nachruf

Ernest Seinfeld (1924-2026)

 |  16. Februar 2026

Ernest Seinfeld © Privat

Die KZ-Gedenkstätte Dachau trauert um den ehemaligen KZ-Häftling und Zeitzeugen Ernest (Ernst) Seinfeld.

1924 in Wien geboren, wuchs Seinfeld in einer mittelständischen jüdischen Familie auf. Nach Abschluss der Volksschule besuchte er das Gymnasium, als im März 1938 Österreich durch das nationalsozialistische Deutsche Reich annektiert wurde. Seinem Vater Oskar, der sich zum Zeitpunkt des deutschen Einmarschs gerade auf einer Dienstreise in der Tschechoslowakei befand, gelang die Ausreise in das britische Mandatsgebiet Palästina. Ernest Seinfeld und seine Mutter Marja mussten ihre Wohnung aufgeben. Vorübergehend besuchte der Junge den Unterricht im jüdischen Chajes-Gymnasium, ehe er als 16-Jähriger zur Zwangsarbeit in Wien eingezogen wurde.

Im Oktober 1942 deportierte die Gestapo Ernest und Marja Seinfeld nach Theresienstadt. Von dort wurde Ernest im September 1944 nach Auschwitz verschleppt. Weil die SS den 18-Jährigen als „arbeitsfähig“ einstufte, entging er der sofortigen Ermordung und wurde in das Dachauer KZ-Außenlager Kaufering III gebracht. Er musste Baugruben ausheben und wurde danach beim Aufbau des KZ-Außenlagers Türkheim eingesetzt. Eine Türkheimer Anwohnerin, Amelie Rinninger, half ihm damals, heimlich Briefe an seine ehemalige Wiener Mitschülerin und Freundin Eva Dressler abzusenden, die wegen der jüdischen Herkunft ihres Vaters ebenfalls nationalsozialistischem Unrecht ausgesetzt war.

Als die SS im Winter 1944 Zimmerleute für den Einsatz in einem neuen Dachauer KZ-Außenlager Landshut suchte, meldete sich Seinfeld als Freiwilliger. Die 500 Gefangenen dort mussten Bauarbeiten für ein Nachschublager der Wehrmacht ausführen. Bei Auflösung des Lagers im Februar 1945 wurde Seinfeld in das Dachauer Stammlager verlegt, wo er am 29. April 1945 die Befreiung durch die US-Armee erlebte.

Seinfeld kehrte nach Wien zurück, begann für die jüdische Wohlfahrtsorganisation „JOINT“ zu arbeiten und traf seine Jugendfreundin Eva Dressler wieder. Die beiden heirateten und wanderten 1946 nach New York aus. Seinfeld war zunächst als Geschäftsmann tätig und besuchte die Abendschule. Später lehrte er als Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Connecticut.

Als Rentner und anlässlich verschiedener Gedenkveranstaltungen suchte Ernest Seinfeld wiederholt seine ehemaligen Haftorte in Kaufering, Türkheim und in Landshut auf, auch die KZ-Gedenkstätte Dachau besuchte er oft. Den ihm eigenen Wiener Charme hatte er auch nach Jahrzehnten in den USA nicht abgelegt. Gerne versicherte er bei Gesprächen, dass er zur Not auch „über den großen Teich“ schwimme, um noch einmal wiederzukommen.

Im Jahr 2006, nach sechzigjähriger Ehe, war Eva Seinfeld (Dressler) verstorben; nun, im hohen Alter von 102 Jahren, folgte ihr auch Ernest Seinfeld.