Lagerzeitungen nach der Befreiung

 

Bereits wenige Tage nach dem 29. April 1945 entstanden im befreiten Konzentrationslager die ersten Lagerzeitungen. Ehemalige Häftlinge schlossen sich meist in nationalen Gruppen zu Häftlingskomitees zusammen, deren Kommunikationsplattform Lagerzeitungen waren.

Diese dienten dazu, Neuigkeiten in den Tagen nach der Befreiung bekannt zu machen, aber auch geistige Neuorientierung zu geben. Über die nationale und internationale Lage wurde genauso berichtet, wie Forderungen an die zukünftige Politik formuliert. Auch die Rückkehr der Überlebenden in ihre Heimatländer wurde in allen Blättern häufig thematisiert.

Im Dachauer Hauptlager gab es unmittelbar nach der Befreiung unter anderem Lagerzeitungen der sowjetischen, polnischen, tschechoslowakischen, jugoslawischen, italienischen, französischen und niederländischen Lagergemeinschaften.

 

Die niederländische Lagerzeitung

 

Die niederländischsprachige Lagerzeitung „De Stem der Lage Landen“ (Die Stimme der Niederlande) richtete sich an über 500 niederländische, belgische und luxemburgische Ex-Häftlinge, die auch in Leserbriefen zu Artikeln und Berichten Stellung nahmen. Sie erschien vom 2. bis zum einschließlich 24. Mai 1945 in jeweils einer Abendausgabe. Nico Rost, der uns in unserer Reihe #40daysofliberation schon mehrfach mit Zitaten begegnete, war bis zur 13. Heftnummer am 16. Mai 1945 in der Redaktion dieser Lagerzeitung tätig.

Das niederländische Lagerkomitee beschloss zwei Tage nach der Befreiung ein Mitteilungsorgan zu gründen. Eine Verfielfältigungsmaschine, Druckfarbe, Papier, Schreibmaschinen und Radios fanden die Häftlinge, als sie erstmals die SS-Baracken betraten (vgl. Kröger, Dachauer Hefte 21, S. 132).
Ebenfalls wurden bei dieser Suche allerlei Raubgut und Namenskarteien sämtlicher deutscher und nicht-deutscher SS-Angehöriger gefunden, welche die Niederländer an die Amerikaner übergaben.

Die Zeitung thematisierte diverse politische Entwicklungen innerhalb des Lagers und dem besiegten NS-Deutschland, das niederländische Lagerkomitee suchte jedoch auch nach Kontakt zu den anderen Lagerkomitees, um entsprechende Informationen auch in „De Stem der Lage Landen“ einfließen zu lassen.

Die Literaturwissenschaftlerin Marianne Kröger, die sich ausgiebig mit diesen Publikationen auseinandersetzte, betont die interessante Dynamik in der Redaktion der „De Stem der Lage Landen“:

„Die starke Versäulung der niederländischen Gesellschaft, wo weltanschauliche und konfessionelle Gruppierungen hermetisch abgeschlossene Zirkel bildeten, die den Kontakt zu den anderen Gruppierungen weit gehend vermieden, war im Lageralltag aufgehoben und ermöglichte nie zuvor geführte Gespräche und Diskussionen. Neue Erfahrungen wie diese fanden ihren Widerhall im Selbstverständnis der Lagerzeitung.“ (Kröger, Dachauer Hefte 21, S. 134)

 

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