#40daysofliberation

76 Jahre gehen wir in der Zeit zurück und erleben die Befreiung des KZ Dachau und des Außenlagers Kaufering im April 1945 durch die Augen der damaligen Häftlinge: In 40 Tagen schildern sie die Vorgänge im April und Mai 1945.

 

12. Mai 1945

„Die Arbeitskommandos gehen heraus, sie holen die runden Kessel ab. Von hinten bewegt sich der charakteristische Kesselwagen. Die Verteilung des heißen Morgengetränks hat begonnen. Das Schlimme ist, dass es bis zur Verteilung noch ein paar Stunden dauern wird. Die Karren, die zum Einsammeln der Gefäße mit den Keksen fahren, sind ebenfalls in Bewegung. In unserer Umgebung hier ein lustiges Wort. Kurios wegen des krassen Gegensatzes, den es verursacht, wenn wir es mit unserem Zustand von noch nicht einmal zwei Wochen kontrastieren. Damals war es Schläge, Misshandlungen, gezogene Gürtel und deutsche Disziplin vom Typ SS. Das sagt viel über diejenigen aus, die gelitten haben. Heute sprechen wir über Gebäck … Weißbrot… Wir sind wieder Menschen!! Das will etwas heißen.“

 

„Escono le squadre del lavoro, raccolgono le tonde marmitte. Dal fondo avanza il caratteristico carro fumante. È iniziata la distribuzione della calda bevanda mattutina. Il male è che ci vorrà ancora un paio di orette prima della distribuzione. Si muovono anche i carretti che si recano al prelievo dei vasi di biscotti. Vocabolo curioso questo nel nostro ambiente. Curioso per il contrasto stridente che provoca se lo poniamo di fronte all nostra condizione di appena una quindicina di giorni addietro.  Allora erano legnate, maltrattamenti e cinghie tirate e disciplina tedesca tipo SS, che è tutto dire per chi l’ha subita; oggi si parla di biscotti… di pane bianco… Siamo tornati uomini!! Questo è tutto dire.“

Alfonso Zamparo

 

Zur Kurzbiografie Alfonso Zamparo (07.01.1907 – 16.07.2000)

 

 

11. Mai 1945

Die Kulturabteilung bittet die Kameraden nochmals, Gedichte, Lieder, Zeichnungen und dgl. sowie sämtliches Dekorationsmaterial der Kulturabteilung abzuliefern. Für unsere deutschen Frauen werden Toilettenartikel gesucht.

Deutsche Lagerzeitung

 

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10. Mai 1945

„Es ist eine Tatsache, dass wir alle nach dem moralisch und materiell erlittenen Leid unter den deutschen Gewalttätern nur einen Wunsch, nur eine gierige Sehnsucht haben: unsere Familien so schnell wie möglich zu erreichen.”

„Sta di fatto che noi tutti, dopo le sofferenze morali e materiali patite sotto la teppaglia tedesca, abbiamo una sola aspirazione, un solo bramoso desiderio: quello di raggiungere al più presto le nostre famiglie.”

Alfonso Zamparo

 

Zur Kurzbiografie Alfonso Zamparo (07.01.1907 – 16.07.2000)

 

 

9. Mai 1945

„Am Mittwoch, 9. Mai, werden die Impfungen weiter fortgesetzt. Jeder Insasse muss geimpft werden, sonst kann er nicht zurückgeführt werden. Es liegt daher im Interesse aller, sich zur Impfung anzumelden.“

Italienische Lagerzeitung

 

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8. Mai 1945

„Letzte Meldung: Das K.L. Dachau stand heute im Zeichen der großen Siegesfeier in Europa. Die Fahnen der freiheitsliebenden Völker wehten über den Marschblocks der auf dem Appellplatz angetretenen Kameraden. Der amerikanische Botschafter in Paris William Bullit begrüsste die Gefangenen und versicherte sie einer baldigen Rückführung in die Heimat.”

Deutsche Lagerzeitung

 

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7. Mai 1945

Die franz. Truppen sind in Berchtesgaden einmarschiert. General Leclerc hätte in Hitlers Bett geschlafen, natürlich nachdem man die Bettwäsche gewechselt habe.

Französische Lagerzeitung

 

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6. Mai 1945

„Früh am Morgen inspizierte ich das Krematoriumsgelände. (…) Zuerst kam ich zu der Hinrichtungsstätte, einer kleinen Fläche, die von einer Hecke vollständig umschlossen war. Dort sah ich einen (…) Erdwall. Hier mussten die Häftlinge antreten, sechs in einer Reihe; sie mussten sich hinknien, mit dem Gesicht auf die Erde, während sie die SS (…) durch Genickschuss gleichgültig ermordete. Dann kam ich zu dem Lagerhaus. In diesem großen Gebäude waren die nackten Leichen von (. . .) Männern, Frauen und Kindern, aufeinander geworfen wie Kartoffelsäcke. Der Gestank war schrecklich. Ich übergab mich drei Mal in weniger als fünf Minuten. Es war der entsetzlichste Geruch, den ich je erlebt hatte.“

Lieutenant Colonel Walter J. (Mickey) Fellenz, Commanding Officer, 1st Battalion, 222d Regiment

 

Zur Kurzbiografie Walter Joseph Fellenz (21.11.1916 – 01.06.1978)

 

 

5. Mai 1945

„Wir erhalten Schuhe und Kleidungsstücke. Die Amerikaner sind splendid nach jeder Richtung hin. Man filmt, einzeln und in Gruppen. Das Leben lächelt uns zu.”

Josef Joos

 

Zur Kurzbiografie Joseph Joos (13.11.1878 – 13.03.1965)

 

 

4. Mai 1945

„Ein Kommando polnischer Kameraden, das sich offiziell um Lebensmittelbeschaffung kümmerte, fand in ca. 30 km Entfernung den ehemaligen Rapportführer des Lagers.

Dieser bezahlte  Auftragsmörder, der mit seinen eigenen Händen hunderte von Menschen ermordet hatte, wurde den amerikanischen Behörden übergeben.

Erinnert ihr euch an das Schild, das man jenen um den Hals hängte, die versucht hatten, zu fliehen: ICH BIN WIEDER DA! Jetzt ist er an der Reihe.“

 

“Un Kommando de camarades polonais qui faisaient une tournée officielle “d’organisation” de ravitaillement a trouvé à quelque 30 kms de Dachau, en civil, l’ancien Rapportführer du camp.

Ce tueur à gages, qui a sur la conscience la mort, de sa propre main, de centaines d’hommes a été remis aux mains des autorités américaines.

Vous vous souvenez de l’écriteau que l’on mettait au cou de ceux qui avaient tenté de s’évader “Ich bin wieder da!” (Je suis toujours ici!) Lui aussi, c’est bien son tour.“

Französische Lagerzeitung

 

 

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3. Mai 1945

„Einer der Männer hockte sich vor mich hin. Zärtlich berührte er mich an der Schulter. ‘Du bist frei, Junge’, sagte er, ‘du bist frei.’ Er lächelte. Seitdem begleitet mich dieses Lächeln. Als ich immer noch nichts tat außer ihn anzustarren, zog er eine Tafel Schokolade aus der Tasche. ‘Die ist für dich’, sagte er freundlich. Ich kramte nach meinem Englisch, das ich im Ghetto in der Schule gelernt hatte (…). ‘Wer seid ihr?’ flüsterte ich. Jetzt war er überrascht. ‘Hey’, rief er den anderen zu, ‘er spricht Englisch.’ ‘Wer …?’, fragte ich wieder. ‘Amerikaner’, sagte der Engel. ‘Nisei. Amerikaner japanischer Herkunft. Ich heiße Clarence, und du?’ Fast hätte ich ihm meine Häftlingsnummer gesagt. Aber ich bin doch jetzt frei, schoß es mir durch den Kopf. Diese Erkenntnis, erfüllte mich mit einer Art Panik. ‘Solly’, brachte ich endlich über die Lippen.“

Solly Ganor: Bericht über seine Befreiung am 3. Mai 1945
(Ganor, Solly: Das andere Leben, Frankfurt am Main 2005, S. 207-216)

 

 

Zur Kurzbiografie Solly Ganor (Sally Genkind) (18.05.1928 – August 2020)

 

 

2. Mai 1945

„[H]eute [geschah] eine seltsame Sache: Ein Kranker, der vom Transport Buchenwald kam, sah einen anderen Kranken an, schaute wieder hin und … erkannte einen SS-Mann, der ihn unterwegs, auf dem Transport, geschlagen hatte. – Er alarmierte sofort die anderen. – […] Es wurde noch ein SS-Mann entdeckt, der sich unter [die Kranken] geschmuggelt hatte. – Das musste leicht gewesen sein, denn sie brauchten bloss die Kleider fortzuwerfen, – nackenden Menschen sieht man nicht an, ob sie Uniform trugen, – Doch auch ihre Wohlgenährtheit verriet sie. […] Die beiden SS-Männer wurden von den Häftlingen gezwungen, die Hände hoch zu halten, und wurden so zu den Amerikanern gebracht.”

Edgar Kupfer-Koberwitz

 

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

1. Mai 1945

„Von unseren 6000 [auf den Todesmarsch] abmarschierten Kameraden immer noch keine Nachricht. – Man befürchtet, dass sie zum grössten Teil umgebracht wurden. – Ja, man sagt sogar, sie seien auf dem Marsche schon bei Allach massakriert worden von der SS und von den Russen, die nicht mehr  nach Russland zurück können.”

Edgar Kupfer-Koberwitz

 

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

30. April 1945

„Schnell setzen sich alle auf. Amerikaner! Es ist soweit. Wir werden befreit. Es ist überstanden. Wir sind frei. Die Amerikaner sind jetzt da. Wir sind frei. Endlich sind sie da. Endlich.“ „Da ist sie also, die Befreiung. Sie ist da. Ich bin 14 Jahre alt, und tausend Jahre habe ich gelebt. Ich bin betäubt. Die Kälte. Der Hunger. Der Tod und das Blut und das Rattern des Zuges, das endlose Rattern des Zuges.  Frei. Endlich frei. Warum fühle ich mich nicht so. Warum nur?“

Livia Bitton-Jackson (Elli Friedmann) über die Befreiung am 30.04.45 bei Seeshaupt

 

Zur Kurzbiografie von Livia Bitton-Jackson (28.02.1930 – )

 

 

29. April 1945

„Als wir die Außenbezirke der Stadt spätmorgens erreichten, trafen wir auf zwei fünfzehnjährige Jungs, die uns anhielten. Sie trugen schwarz-weiß gestreifte Kleidung, und offen gestanden, waren wir erst einmal erschrocken und überrascht.
Sie fragten, ob jemand Griechisch oder Spanisch oder Deutsch spräche. Ich hatte von meinen Großeltern Jiddisch gelernt, das ähnlich ist wie Deutsch. Daher konnte ich übersetzen. Sie erzählten uns, wir müssten schnell kommen, weil da ein Zug mit toten KZ-Häftlingen auf einem Gleis außerhalb der Stadt sei.
Ich sagte diesen Jungs, weil sie seltsame Kleidung trugen, keine Spielchen mit uns zu spielen. Wir wären amerikanische Soldaten, und falls sie von einem Zirkus oder Karneval wären, hätten wir keine Zeit für Streiche! Aber sie beharrten darauf, es ernst zu meinen und die Wahrheit zu sagen.“

Private First Class Sid Shafner

 

Zur Kurzbiografie Sid Shafner – Privat First Class (PFC)

 

„In diesen stinkenden Waggons konnte man Häftlinge sehen, die zu schwach gewesen waren, den Wagen zu verlassen. Ein paar hatten es versucht und waren unter dem Maschinengewehrfeuer der SS als blutige Klumpen vor einer der Waggontüren liegen geblieben. Auch ein kleines Mädchen befand sich darunter. [D]ie meisten von ihnen waren einfach in der Haltung absoluter Erschöpfung gestorben, wie sie nur Verhungernde einnehmen können.“

Informationsdienst für Offiziere der 42. Infantriedivision

 

 

Bild: US-Soldaten auf der Brücke vor der Westseite des Jourhauses, 29. April1945 (KZ-Gedenkstätte Dachau)

„Es war genau 5.28 Uhr – nach der Uhr der Kommandantur – als sich das große Tor öffnete.”

Nico Rost

 

Zur Kurzbiografie Nico Rost (21.06.1896 – 01.02.1967)

 

 

„Als wir durch das Tor gingen, war keine Seele in Sicht. Dann kamen plötzlich von allen Seiten Leute (wenn man sie so nennen konnte). Sie waren dreckig, verhungerte Skelette mit zerschlissenen Kleidern, und sie schrien, brüllten und weinten. Sie rannten auf uns zu und griffen nach uns, nach mir und den Zeitungsleuten, küssten unsere Hände und Füße, und alle versuchten uns zu berühren. Sie packten uns und warfen uns in die Luft, und sie schrien sich dabei die Lunge raus.“

William J. Cowling (1st Lt., Aide to Asst. Div. Comdr.)

 

Zur Kurzbiografie William J. Cowling III (20.02.1922 – 1991)

Bild: Drei US-Soldaten auf dem Appellplatz, kurz nach der Befreiung April/Mai 1945 (KZ-Gedenkstätte Dachau)

 

„Thadeus, der junge Pole aus unserer Station, einer von den zwei Ärzten hier, legte sich heute früh todmüde zu Bett. (…) Er konnte kaum die Augen offenhalten und sagte: „Ich habe die ganze Nacht gearbeitet, – ein grosser Invalidentransport kam an. – Aber jetzt kann man ruhig schlafen, jetzt sind wir frei.“ (…) „Die SS hat das Lager verlassen, es gibt keinen SS-Mann mehr hier, keinen Schutzhaftlagerführer, nichts, nur ein paar Soldaten der Wehrmacht zur Übergabe.“ (…) Es ist kaum zu glauben. – Aber Thadeus schläft so fest, so sicher, ich kann an seinen Worten nicht zweifeln.“

Edgar Kupfer-Koberwitz

 

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

Bild: Häftlinge auf der Lagerstraße des befreiten KZ Dachau, Mai 1945 (KZ-Gedenkstätte Dachau)

„Plötzlich draussen Geschrei, Gelaufe, Gerenne: „Die Amerikaner sind da, die Amerikaner sind im Lager, ja, ja, sie sind auf dem Appellplatz!“ – Alles gerät in Bewegung. – Kranke verlassen die Betten, die fast Gesunden und das Personal rennen auf die Blockstrasse, springen aus den Fenstern, klettern über die Bretterwände. – Alles rennt auf den Appellplatz.“

Edgar Kupfer-Koberwitz

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

„Kameraden kommen zu mir ans Bett, Franzosen, Russen, Juden, Italiener. (…) Mancher hat Tränen in den Augen. – Wir drücken uns die Hände: „Frei, frei!“ – Fast niemand liegt mehr in den Betten, einer geht zum anderen, – alles steht, geht, küsst sich.“

Edgar Kupfer-Koberwitz

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

„Ein Soldat ist im Revier [Krankenbau], ein Amerikaner“ (…). „Hallo boys!“ – sagt er. – Sie umringen ihn, – jeder gibt ihm die Hand, – wer ein paar Worte englisch kann, sagt sie ihm. – Der kleine italienische Advokat, ein älterer Mann, kriecht aus dem Bett, geht hin, gibt ihm die Hand. – Er steht neben dem Riesen wie ein Zwerg: „I thank you for all what you have done for us“, – sagt er und schaut mit nassen Augen zu dem grossen Soldaten auf. – Der sagt: „Oh, das war nicht schlimm, nur so ein kleines Gefecht.“ Und er geht durch den Raum, umringt, alle Hände strecken sich ihm entgegen. – Er beginnt zu singen: „It‘s a long way to Tiperary, it’s a long way to go …“ – Alle singen mit. – Er geht wieder. – Alle rufen, winken.“

Edgar Kupfer-Koberwitz

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

Bild: Befreite Häftlinge vor den Baracken der Westseite des KZ Dachau, Mai 1945 (KZ-Gedenkstätte Dachau)

28. April 1945

„Wir fuhren weiter zum Lager. Auf der „Straße der SS” war es still und menschenleer. Auch die Wohnungen der SS-Familien waren wie ausgestorben. Der Eickeplatz machte den gleichen Eindruck. Die Post war abgesperrt (…). Langsam fuhren wir an der Mauer und der Plantage entlang. Nirgends war ein Posten zu sehen. Das war fast noch unheimlicher, als der Anblick der gewohnten Bewacher.”

Imma Mack

 

Zur Kurzbiografie Imma Mack (10.02.1924 – 21.06.2006)

 

 

27. April 1945

„Ich wollte [vom Todesmarsch] flüchten, aber es war mondhell, und es gab keine Chance zu entkommen. (…) Ich suchte in ein Fichtenwäldchen zu gelangen, um mich dort zu verstecken.(…) „Halt, stehenbleiben”, hörte ich, und es knallten zwei Schüsse. Jetzt konnte ich mich nicht mehr dort verstecken, rannte den Weg entlang um das Wäldchen herum und hätte in der Aufregung fast den SS-Mann überholt, der plötzlich vor mir ging. Ich suchte nun Schutz in einem Gebüsch nahe der Würm und erwartete angstvoll die Verfolgung mit den Spürhunden. Wie mir die Mitbrüder (…) später erzählten, hat der Posten sofort gerufen: „Hundeführer vor, weitergeben!” Dieser Befehl ging die ganze Postenkette entlang (…), bis er zum Hundeführer gelangte, der bei seinem Hunden schlief. Als man ihn weckte, reagierte er mit (…): „Leckt mich…” Er war zu faul, mich zu verfolgen, und das war meine Lebensrettung.”

Hermann Scheipers

 

Zur Kurzbiografie Hermann Scheipers (24.07.1913 – 02.06.2016)

 

 

26. April 1945

„Am 26. April 1945 mussten wir früh marschbereit auf dem Appellplatz stehen, aber erst abends 10 Uhr marschierten wir aus Dachau ab, insgesamt 7.000 Gefangene, eingeteilt, in je 100. (…) In den Orten, durch die wir kamen, sahen die Leute mit Entsetzen in den Augen auf unseren Zug. Viele wollten uns Brot und Wasser geben, aber die SS trat dazwischen und schlug manchem das Gefäß aus der Hand.”

Hermann Scheipers

 

Zur Kurzbiografie Hermann Scheipers (24.07.1913 – 02.06.2016)

 

 

25. April 1945

„Angeblich soll heute abend das Lager evakuiert werden, – deshalb ist grosse Nervosität. – Wenn nicht alles schnell geht, wird es für uns immer gefährlicher, mit jeder Stunde. – Man fürchtet, dass die SS noch etwas gegen uns unternehmen kann, im letzten Fanatismus.”

Edgar Kupfer-Koberwitz

 

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

24. April 1945

„Einige zurückgebliebene SS-Leute zündeten die Baracken [des Außenlagers Kaufering III] an. Schwarzer Rauch umhüllte das verlassene Lager. Aus der Krankenbaracke drangen entsetzliche Schreie und Hilferufe. Das Krankenlager wurde mitsamt seinen Insassen angezündet. Die darin liegenden hilflosen Kranken und Verletzten verbrannten bei lebendigem Leibe.”

Peter Gardosch

 

Zur Kurzbiografie Peter Gardosch (08.11.1930 – )

 

23. April 1945

„Die Nervosität nimmt immer mehr zu; die Atmosphäre ist gespannt und schwer. Man spürt, dass jetzt die entscheidenden Wochen, vielleicht sogar Tage gekommen sind…Das Krematorium arbeitet pausenlos Tag und Nacht und kommt gar nicht mehr nach mit der Leichenverbrennung…”

Adam Kozlowiecki, SJ

 

Zur Kurzbiografie Adam Kozlowiecki, SJ (01.04.1911 – 28.09.2007)

 

22. April 1945

„Der Typhus, der Hunger, die Evakuierung und vor allem die Möglichkeit, uns noch im letzten Augenblick zu ‘liquidieren’ – das sind Gefahren, die wie Damoklesschwerter über unseren Köpfen hingen. Daher wandten wir uns alle an den hl. Josef…mit der Bitte, uns zu helfen.”

Adam Kozlowiecki, SJ

 

Zur Kurzbiografie Adam Kozlowiecki, SJ (01.04.1911 – 28.09.2007)

 

21. April 1945

„Warum sind die Amerikaner eigentlich noch nicht hier? Ich habe oft das Gefühl, daß sie Dachau nicht für so wichtig halten. Natürlich ist es das eigentlich auch nicht, aber wenn ich so anfange zu überlegen, bliebe uns ja überhaupt keine Hoffnung, hier jemals lebend rauszukommen.”

Nico Rost

 

Zur Kurzbiografie Nico Rost (21.06.1896 – 01.02.1967)

 

 

20. April 1945

„Am Nachmittag wieder Tiefflieger, welche schossen. […] Die Baracken erzitterten bei jedem Abwurf. – Was werden wir hier noch alles erleben?”

Edgar Kupfer-Koberwitz

 

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

19. April 1945

„Die Pakete der Franzosen und Belgier, – man spricht von 10 000, – sind noch nicht ausgefolgt worden. – Wahrscheinlich sollen sie als eiserne Reserve dienen, da es scheint, dass unser Proviant nur noch für Tage reicht.”

Edgar Kupfer-Koberwitz

 

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

18. April 1945

„Man sagt, Weiss sei wieder Lagerkommandant in Dachau. (…) Er war zuletzt Inspektor sämtlicher Lager Deutschlands, nun wird von all den Lagern nur noch Dachau übriggeblieben sein. – ”

Edgar Kupfer-Koberwitz

 

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

 

17. April 1945

„Unsere Jungs sagen immer, sie würden schon Kanonendonner hören…Es gab keinen Zweifel mehr –  das waren Artilleriegeschosse. Sie kamen immer näher. Schneller, nur schneller!”

Adam Kozlowiecki, SJ

 

Zur Kurzbiografie Adam Kozlowiecki, SJ (01.04.1911 – 28.09.2007)

 

16. April 1945

„Alles überfüllt…Wir haben uns gerade eingerichtet, die Kapelle fertig, da kommt ein großer Transport Sonderhäftlinge aus Flossenbürg an. Viele ausländische Offiziere und Generale…”

Karl Kunkel

 

Zur Kurzbiografie Karl Kunkel (08.11.1913 – 30.01.2012)

 

15. April 1945

„Wir schrieben den fünfzehnten April. Seit längerer Zeit wurde ein Transport aus dem KZ Buchenwald erwartet, statt dessen waren aber Transporte von weiblichen Konzentrationslagerhäftlingen eingetroffen. (…) Die Frauen und Mädchen kamen in einem bedauernswerten Zustande an. Die Mehrzahl besaß kein Schuhwerk und hatte sich alte Fetzen um die Füße gewickelt. Müde, erschöpft, ausgehungert und ungepflegt schlichen sie an uns vorüber.”

Hermann E. Riemer

 

Zur Kurzbiografie Hermann E. Riemer (06.05.1903 – unbekannt)

 

14. April 1945

„Hier treffen täglich noch Gruppen von Außenkommandos ein. – Auf den meisten Blocks liegen jetzt durchschnittlich 2000 Man. – Man sagt, es seien nur noch für zehn bis zwölf Tage Lebensmittel da. – Was dann? – Es wird vielen Schwachen das Leben kosten.”

Edgar Kupfer-Koberwitz

 

Zur Kurzbiografie Edgar Kupfer-Koberwitz (24.04.1906 – 07.07.1991)

 

13. April 1945

„Der Kapo der Bibliothek, der sich heute früh von Heini neu verbinden ließ, erzählte, dass sich eine der Polinnen aus dem Lagerbordell – Dantes „Hölle” ausleihen wollte!”

Nico Rost

 

Zur Kurzbiografie Nico Rost (21.06.1896 – 01.02.1967)

 

12. April 1945

„Fühle mich mutlos und kann mich nicht konzentrieren. Heute nacht wieder hundertachtundvierzig Tote, als ich um halb eins zur Desinfektion mußte, lagen hinter den Baracken schon wieder mindestens zwanzig neue Leichen.”

Nico Rost

 

Zur Kurzbiografie Nico Rost (21.06.1896 – 01.02.1967)

 

Fortsetzung folgt!