Hermann Scheipers (24.07.1913 – 02.06.2016)

 

Hermann Scheipers wurde am 24. Juli 1913 in Ochtrup/Münsterland geboren und wuchs mit seinen vier Geschwistern in einer einfachen, tief gläubigen Familie auf. Als Vierjähriger litt er am Ende des Ersten Weltkriegs Hunger, der ihn später die KZ-Mangelernährung leichter ertragen ließ. Er studierte von 1932 bis 1936 katholische Theologie in Münster und erlebte in dieser Zeit die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Früh distanzierte er sich von der NS-Bewegung, die er als Weltanschauung begriff, die eine Koexistenz mit dem Christentum ausschlösse. Als Christ sah er sich zum geistigen Widerstand verpflichtet. 1937 wurde er in Bautzen zum Priester geweiht und wirkte in Sachsen. Nach einer Denunziation wegen „freundschaftlichen Verkehrs mit Angehörigen feindlichen Volkstums“, gemeint waren polnische Gläubige, wurde er zunächst ins Polizeigefängnis Leipzig eingeliefert. Am 28. März 1941 wurde er dann unter dem Haftgrund „Staatsfeind“ ins KZ Dachau überstellt.

Dort überlebte er mehrere gefährliche Situationen, nicht zuletzt mit Hilfe seiner Familie: Sein Bruder Josef fuhr während seines Fronturlaubs nach Dachau, um eine Sprecherlaubnis mit Hermann zu erhalten. Diese wurde abgelehnt. Es gelang Josef aber, seinen Bruder Hermann im Arbeitskommando Plantage ausfindig zu machen. Bei einer zweiten illegalen und gefährlichen Begegnung warf Hermann während seiner Arbeit auf der Plantage seinem Bruder Josef unbeobachtet einen Brief, festgebunden an einen Stein, über den Plantagenzaun zu. In der Nachricht teilte er seiner Familie ein Codewort mit, das er ihnen schreibe, sobald er in Lebensgefahr wäre.

Als er wenige Monate später zusammenbrach und auf den Invalidenblock des KZ-Dachau verlegt wurde, schrieb er das Codewort nach Hause. Seine Zwillingsschwester Anna fuhr daraufhin nach Dachau, um ihren Bruder zu retten, was ihr aber nicht gelang. Zurück in Münster machte sie sich auf den Weg nach Leipzig, anschließend in das Reichsicherheitshauptamt nach Berlin. Dort setzte sie sich mutig für ihren Bruder ein. Die Zivilcourage seiner Zwillingsschwester Anna bewahrte Hermann vor dem Abtransport aus dem Invalidenblock in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim.

Am 27. April 1945 gelang Hermann Scheipers auf dem Todesmarsch in der Nähe von Starnberg eine waghalsige Flucht. 1946 entschied er sich, vom Münsterland nach Sachsen zurückzukehren, um als Seelsorger für Heimatvertriebene und Flüchtlinge da zu sein. 1983 kehrte er im Ruhestand von Ost- nach Westdeutschland in seine Heimatstadt zurück. Bis ins hohe Alter war er als Zeitzeuge und Seelsorger aktiv. Er starb im Alter von 102 Jahren am 2. Juni 2016 in Ochtrup.

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