Grigorij Dmitriewitsch Smirnow

Grigorij Dmitriewitsch Smirnow (1. Oktober 1901 – 1942)

 

Eine Gedenkbotschaft seines Enkels Andrej Gennadiewitsch Smirnow

 

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(Übersetzung des russischen Transkripts)

Liebe Zuhörer*innen, die die Opfer des Zweiten Weltkrieges nicht kaltlassen, vor allem die Opfer der NS-Zeit, liebe Mitarbeiter*innen der Gedenkstätte Dachau, liebe Angehörige der verstorbenen Kriegsgefangenen. Ich bin Andrej Smirnow, der Enkel des in Dachau getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen Grigorij Smirnow. Ich möchte Ihnen die Geschichte seines kurzen Lebens erzählen.

Mein Großvater Grigorij Dmitriewitsch Smirnow wurde in Jefremow am 1. Oktober 1901 in eine Bauernfamilie geboren. Der Sowjetstaat ermöglichte meinem Großvater eine Ausbildung. Er absolvierte das Handelsinstitut in Leningrad. Im Jahre 1924 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei. Seit 1936 leitete er die Handelsschule Iwanowo. Meine Oma war Ärztin. Sie heirateten 1928 aus Liebe. Er liebte seine Frau sehr und war seinen Kindern ein guter Vater. Sie hatten zwei Söhne und eine Tochter. Das waren die glücklichsten Jahre ihres Zusammenlebens. Mein Opa war belesen und begeisterte auch seine Kinder für Bücher. Somit hinterließ er sein wichtigstes geistiges Erbe. Er war sehr naturverbunden. Auch das haben seine Kinder geerbt. Er angelte oft mit seinen Söhnen, sammelte Pilze und Beeren im Wald. Das rettete die Kinder in Kriegsjahren vor der Hungersnot.

Für unsere Familie begann der Krieg schon am 17. März 1941, als unser Großvater zum Militär einberufen wurde. Die Mobilisierung der Reservisten. Unser Großvater ging am Morgen und kam nie mehr zurück. Binnen drei Monaten bekam die Familie seine Briefe aus dem Baltikum. Er schrieb diese Briefe mit Liebe und Fürsorge für seine Familie. Dann hörten diese Nachrichten auf. Das Deutsche Reich griff die Sowjetunion am 22. Juni 1941 an. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich in Ukmergė in Litauen. Er war technischer Intendant 1. Ranges im Pionierbaubataillon. Für meine Oma Alexandra Baturina, die er liebevoll Sanetschka und wir später Baba-Schura nannten, sowie für die Kinder begannen seitdem die schrecklichen Kriegsjahre voll Not, Hunger, Erwartung und Trauer.

Eines Tages endete der Krieg. Die Überlebenden kehrten nach Hause. Unser Großvater galt als vermisst laut einer Mitteilung vom 24. Mai 1945. Doch unsere Großmutter wartete weiterhin auf ihren Mann Grischa. Sie wies alle Heiratsanträge zurück. Es gab Gerüchte, dass verkrüppelte Soldaten, die ihre Arme und Beine sowie das Augenlicht verloren hatten, nicht zurückkehren wollten, um den Lieben nicht zur Last zu fallen. Sie blieben in Sonderkrankenhäusern. Mein Vater und sein älterer Bruder rannten jeden Tag zum Bahnhof, in der Hoffnung, dass heute auch ihr Vater aus dem Krieg zurückkehrt. Sie gaben Konzerte in unterschiedlichen Krankenhäusern, lasen den Verwundeten Gedichte vor, sangen Lieder und musizierten. Sie wollten ihren eigenen, wenn auch verkrüppelten Vater finden, um ihn abzuholen und sich um ihn zu kümmern. Hauptsache, er wäre bei ihnen gewesen. Die Jahre vergingen. Und er kehrte nie zurück.

Er stellte sich später heraus, dass mein Großvater am 28. Juni 1941 mit einer Gruppe von Soldaten auf dem Weg zu Kameraden gemeinsam mit den anderen gefangen genommen wurde. Zunächst befand sich mein Großvater im Oflag 62 in Hammelburg. Am 27. Februar 1942 wurde er an die Gestapo ausgeliefert, um im KZ Dachau umgebracht zu werden. Dort wurde er angeblich noch am selben Tag auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen erschossen. Seine Leiche wurde im Krematorium verbrannt. Seine Asche wurde in der Nähe des Krematoriums verstreut. Das erfuhr ich aus dem Briefwechsel mit der Gedenkstätte Dachau. Unsere Familie ist deren Mitarbeitern sehr dankbar.

Auf Wunsch meines Onkels, des ältesten Sohnes meines Großvaters, hat man uns ein Paket mit Erde vom Krematoriumsgelände geschickt. Diese Erde wurde in Iwanowo auf dem Grab unserer Großmutter Schura mit folgender Inschrift begraben: „Sanetschka, ich bin zurück. 2012.“ Unsere Oma hat bis zu ihrem Tod auf ihren Mann gewartet. 54 Jahre lang. Sie starb am 25. Juni 1995. Jetzt sind sie dank der Gedenkstätte wieder zusammen.

Abschließend möchte ich sagen: Möge Gott dafür sorgen, dass diese Schrecken nie wieder geschehen und sich nie wiederholen. Mögen alle Menschen, einfache und mächtige, wissen, dass niemand das Recht hat, seinem Nächsten das Leben zu nehmen. Niemand darf wegen Nationalität oder aus ideologischen, religiösen, politischen, territorialen oder wirtschaftlichen Gründen solch ein schreckliches Massaker anrichten. Wir gedenken ewig den sowjetischen Soldaten, die im Krieg gefallen sind, und allen Gefangenen, die hier gestorben sind.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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