Timofej Andreewitsch Poluserow

Timofej Andreewitsch Poluserow (3. April 1920 – 1942)

 

Eine Gedenkbotschaft seiner Schwester Sinaida Andreewna Tronowa

 

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(Übersetzung des russischen Transkripts)

Meine Damen und Herren, ich bin Sinaida Tronowa, geborene Poluserowa. Mein Bruder ist Leutnant Timofej Poluserow. Sein Name steht auf einer Tafel am Außenort der Gedenkstätte Dachau.

Mein Bruder absolvierte die Flugschule in Leningrad als Leutnant und Wehrtechniker 2. Ranges, leistete Militärdienst an der Grenze zu Deutschland, Polen und der Sowjetunion in Belarus. Vor dem Krieg teilte er mit, er könne die Akademie wegen des Kriegs nicht beenden. Danach kamen keine Briefe mehr. Nur eine Meldung: Er galt als vermisst. Schon nach vier Tagen wurde er gefangen genommen, war in drei KZs mit dem Vermerk: „Auslieferung an die Gestapo“. Am 16. Februar 1942 wurde er von der SS in Dachau brutal erschossen.

Seine Eltern erzogen ihn zum Patrioten. Unser Vater war aktiv bei der Revolution, leistete Wehrdienst in Kronstadt, diente auf der Aurora, traf Lenin und kämpfte im Winterkrieg. Als seine Truppe eines Tages umzingelt wurde, mussten die Soldaten im Winter über den Ladogasee kriechen. Danach war er sein Leben lang körperlich beeinträchtigt. Dieses Ereignis prägte auch seinen Sohn. Unsere Mutter galt als Heldin, sie zog zehn Kindern groß. Fünf davon nahm ihr der Krieg. Die älteste Tochter Anna studierte Medizin und starb auch an der Front. Drei kleine Kinder verhungerten. 1942, als ich sechs war, versuchte ein Gefangener, mich zu erdrosseln. Ich erinnere mich immer noch an seine Augen. Er hat mich aber verschont. Vielleicht hatte er auch Kinder. Doch er nahm unsere Brotmarken, Geld und Kleidung. Wenn wir keine neuen Brotmarken bekommen hätten, wäre ich als Nächste auf dem Friedhof gelandet. Ich arbeitete im Hinterland und lebte während des Krieges im hohen Norden. Meine Geschwister und ich hatten nichts zum Anziehen oder zu Essen. Wir sammelten Pilze und Beeren in der Tundra. Mein Vater angelte mit dem ältesten Bruder auf hoher See. Wir mussten alles an den Staat abgeben. Ich bin die Letzte, die noch lebt. Diesen Krieg kann ich nur als gottverdammt bezeichnen.

Meine Eltern und ich suchten Timofej unser Leben lang. Wir wendeten uns ans Militärmeldeamt in Murmansk, das Verteidigungsministerium, das Staatsarchiv in Moskau, Podolsk und Schukowski und an Vermisstensendungen. 2013 setzte ich meine Suche im Gedenkbuch fort. Alles vergeblich. Ich gab jegliche Hoffnung auf. Doch endlich war die Suche erfolgreich. In der Moskauer Zeitung „Komsomolskaya Pravda“ fand ich ein Foto meines Bruders. Er war Dritter auf der Liste in einem Artikel über die Opfer der Gestapo. Dank der Mitarbeiter der Gedenkstätte [Dachau] erfuhr ich alles über das Schicksal meines Bruders und wurde zur Einweihung des Gedenkorts [Hebertshausen] eingeladen. Ich bedanke mich herzlich bei allen, die sich tapfer bei der Suche nach Vermissten engagieren. Die deutschen Bürger gedenken bis heute unserer Soldaten und Offiziere, die im Krieg in Deutschland fielen. Ich war bei der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland tätig und besuchte das KZ Buchenwald. Dort stehen 16 Gedenktafeln für die Teilrepubliken der Sowjetunion. Deutsche Bürger bringen dorthin immer noch Blumen. Diese Schlange erinnert mich an Menschen vorm Lenin-Mausoleum in Moskau.

Liebe Damen und Herren, nach dem Besuch der Gedenkstätte Dachau am 19. November 2019 kontaktierte ich über das Militärmeldeamt Qapschaghai den Abteilungsleiter des Verteidigungsministeriums Wiktor Goremykin mit der Bitte, die Archivalien meines Bruders Timofej Poluserow zu korrigieren und ihn aus der Vermisstenliste zu streichen. Er solle aufgeführt werden als gequälter und erschossener Mann, der seine Heimat verteidigte. Die Antwort war leider folgende, ich zitiere: Man könne keine eindeutige Aussage über die Ursache, den Ort und das Datum des Todes des Soldaten treffen. Unklar ist allerdings, warum mich diesbezüglich die Kasachische Botschaft in Russland kontaktiert. Diese Entscheidung darf nur von der Personalverwaltung des russischen Verteidigungsministeriums erfolgen. Woher kommt diese Herzlosigkeit? So schätzt die Heimat also die Taten meines gequälten, gedemütigten und von der SS brutal erschossenen Bruders.

Vielen Dank.

 

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