Wasilij Nikolaewitsch Sibrin

Wasilij Nikolaewitsch Sibrin (16. September 1907 – 1941)

 

Eine Gedenkbotschaft seines Sohnes Eduard Wasilewitsch Sibrin

 

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(Übersetzung des russischen Transkripts)

Ich erinnere mich nicht an das Gesicht meines Vaters. Ich war erst zwei Jahre alt. Meine ersten Erinnerungen hatte ich, als ich drei war. Mein Vater war Grenzsoldat. Er hat das Moskauer Grenzinstitut mit Auszeichnung abgeschlossen Ihm wurde dort eine Lehrerstelle angeboten, Doch er sagte, laut meiner Mutter natürlich, er wolle zuerst als Soldat dienen sich mit der Realität des Militärlebens vertraut machen und erst dann zurückkommen. Er wurde nach Libau geschickt, wo er in einer Grenzeinheit als stellvertretender Stabschef des Grenzkommandos diente. Er wurde 1907 geboren.

Ich wurde in einer Grenzschutzeinheit geboren, 12, 13 Kilometer von der Stadt Kapyl entfernt, die offiziell als mein Geburtsort eingetragen ist. Am 21. Juni war ein Motorengeräusch von der Grenze zu hören. Und am 22. Juni um sechs Uhr morgens lief mein Vater zu meiner Mutter, weckte uns, hob mich hoch, nahm den erstbesten Koffer und sagte nur: „Fisa, der Krieg ist da.“ Fisa hieß meine Mutter. Er trug uns zu einem Lastwagen, wo bereits Angehörige anderer Grenzschutzfamilien saßen, und wir fuhren geschwind zum Bahnhof. Als man uns in die Waggons setzte, wurde die Stadt schon bombardiert. Wir fuhren in einem Waggon mit zerbrochenen Fenstern, es lagen sowohl Gesunde als auch Verwundete und Tote auf dem Boden. In der Ecke des Waggons saß eine Frau… mit ihrem Mädchen im Arm. Die Hälfte seines Schädels wurde von einem Splitter weggeblasen. Die Frau wurde verrückt.

Wir flüchteten in die Heimat meiner Mutter. Und zwar in den Bezirk Tujmasinskij in Baschkortostan. Wir lebten im Dorf Werchnetroizkoje, das zwölf Kilometer vom Bahnhof entfernt lag. Im Winter waren alle Straßen mit Schnee bedeckt. Es war unmöglich, das Dorf zu verlassen. Es gab eine schreckliche Hungersnot, weil die Männer an der Front waren. Alle Transportmittel waren an der Front, und die Ernte verdarb. Besonders schrecklich war das Jahr 1943, weil einfach alles erfror. Wir aßen alles, was wir finden konnten. Birkenkätzchen oder Eichenrinde. Wenn man auf dem Dachboden Häute von Kühen oder anderen Tieren fand, konnte man diese einweichen, kochen und dann essen. Ganze Dörfer starben aus. Ein Mann ging vor meinen Augen die Straße entlang, hielt plötzlich an und fiel um. Als man auf ihn zulief, war er schon tot, verhungert.

Meine Kindheit war äußerst hart und schwierig. Als wir in dem Waggon fuhren, wurden wir so stark bombardiert, – zur Erinnerung, ich war erst zwei- dass ich Angst vor Flugzeugen hatte, bis ich sieben Jahre alt war. In unserem Dorf lebte ein Pilot, der eine [Polikarpow] U-2 flog und mal bei uns landete. Ich ging um das Flugzeug herum, ich fand es sehr interessant. Doch sobald er abhob, wurde ich hysterisch und rannte weg. Für gewöhnlich versteckte ich mich unter der Veranda des Hauses oder in der Scheune. Deshalb erlaubte mir der Dorfsanitäter nicht, mit sieben Jahren zur Schule zu gehen. Ich wurde erst mit acht Jahren in die Schule geschickt. Deshalb war ich der Älteste in der Klasse. Danach zogen wir nach Jekaterinburg, das damals Swerdlowsk hieß. Dort lebte die Schwester meiner Mutter mit ihrem Mann. Sie hatten Glück, sie verbrachten den Krieg in der Mongolei. Dort hatten wir auch Truppen. Er blieb am Leben. Dort absolvierte ich die… Staatliche Technische Universität des Uralgebiets in Nachrichtentechnik.

In den 50ern kam ich einmal nach Hause und sah meine Mutter weinen. Sie erzählte mir, dass ein Mann vorbeigekommen sei, der mit meinem Vater in einem KZ [wahrscheinlich: Kriegsgefangenenlager] gewesen war. Sie konnten flüchten. Sie vereinbarten, dass wenn jemand es in die Heimat zurückschafft, derjenige seine Frau aufsuchen und ihr seine letzten Worte überbringen würde. Mein Vater hatte Pech. Er wurde gefangen genommen und an die Gestapo übergeben. Meine Mutter liebte meinen Vater so sehr, dass sie nie geheiratet hat, obwohl sie schön war. Sie hat nie geheiratet. Und drei Tage vor ihrem Tod… Sie starb früh im Jahre 1992 und wurde hier begraben. Sie sagte zu mir, dass die Jahre mit meinem Vater die glücklichsten Jahre ihres Lebens waren.

Und vor sieben Jahren… habe ich eine Einladung nach Deutschland erhalten. Wieso ich diese erhalten habe? Weil vor sieben Jahren [der Gedenkort] Hebertshausen eröffnet wurde. Das war ein Schießplatz [der SS], auf dem Menschen erschossen wurden. Sie wurden erschossen, in Kisten gesteckt und ins Krematorium gebracht. Es ist nicht bekannt, wo die Asche verstreut wurde. Nur ein Gefangener blieb am Leben und überlebte diese Hölle. Es stellte sich heraus, dass er Jude war. Er lebte in Russland. Ich habe mich mit seinen Söhnen getroffen. In Hebertshausen, und er hat mir das alles erzählt. Und in Hebertshausen wurde eine Gedenkstätte eröffnet.

Es sieht dort folgendermaßen aus. Ein sehr gemütlicher und schöner Ort, alles blieb erhalten. In der Nähe verlaufen Eisenbahnschienen. Dort stehen Stelen aus Glas, auf denen auf Russisch und auch auf Deutsch… die Namen der Opfer stehen. Solche Fotos wurden übrigens nur zu fünf oder sechs Personen gefunden, daher gibt es insgesamt nur fünf oder sechs Stelen. Erschossen wurden 4.000 Menschen. Man kennt die Nachnamen von 800, die restlichen sind unbekannt.

Als ich diese Hinrichtungsstätte betrat, war ein Pfarrer bei mir. In der Nähe liegt eine kleine russische Kirche, die gebaut wurde, als unsere Soldaten weggingen. Dort finden Gottesdienste statt. Ich wurde vom Pfarrer begleitet. Und als ich dort war… Ich kann das nicht… Ich bin auf den Boden gefallen und küsste die Erde, auf die mein Vater zuletzt seinen Fuß gesetzt hatte. Ich verstreute dort eine Handvoll Erde aus dem Grab meiner Mutter, nahm eine Handvoll Erde von der Hinrichtungsstätte meines Vaters und verstreute sie auf dem Grab meiner Mutter.

Die Deutschen haben viel Arbeit geleistet. Und nicht nur sie. Vielen Dank für diese wahrhaft gigantische Arbeit, den Mut und die Ausdauer. Informationen wurden gesammelt, um die Namen der Kriegsgefangenen ausfindig zu machen, die in faschistischen Kerkern brutal gefoltert wurden. Ich danke der Leiterin der Gedenkstätte Dachau Gabriele Hammermann, dem Historiker Reinhard Otto in Deutschland, der Mitarbeiterin der Gedenkstätte Tatiana Székely in Österreich, Vladimir Tylets in Belarus, Sergey Petrov in Lettland und vielen anderen, die uneigennützig an dieser heiligen Sache beteiligt waren. Das lässt einen glauben, dass nichts und niemand je vergessen wird.

Natürlich vermisse ich meinen Vater immer noch. Ich habe… Ich habe nachts von ihm geträumt. Ich wendete mich an ihn, bat ihn um Hilfe. Er ging weg. Aber ich habe sein Gesicht nicht gesehen. Ich erinnere mich nicht an sein Gesicht. Natürlich ging das mit der Zeit vorbei. Aber bis jetzt muss ich weinen, wenn ich an ihn denke. Er war ein gut aussehender Mann. Er konnte nur eine Frisur tragen, weil seine Haare so lockig waren. Er konnte sie nicht durchkämmen. Das ist die Erinnerung meiner Mutter.

Wir hörten erst dann auf zu hungern, als ich die Universität abgeschlossen hatte. Ich absolvierte sie 1957. Wir kämpften uns durch. Mit Wasser und Kartoffeln. Im Allgemeinen lebten wir sehr arm. Nachdem ich angefangen hatte zu arbeiten… Ich arbeitete damals… in einer Fabrik des Luftfahrtministeriums. Nachdem ich dort angefangen hatte, verdiente ich gutes Geld. Ich werde nicht sagen, was ich dort tat. Ich bereiste ganz Russland, weil ich in der Montageüberwachung und dem Einsatz von Cockpits und Autopiloten tätig war. Dann zog ich zu meiner Mutter nach Swerdlowsk. Sie lebte dort in einer Einzimmerwohnung. Danach zog ich nach Trjochgorny. Sie wollte nicht mitkommen, weil sie ihre Schwester nicht verlassen wollte. Meine Mutter konnte sie später vom Land holen. Diese Schwester wurde 101 Jahre alt. Als sie dann umzog, sagte sie offen: „Wie falsch von mir, dass ich nicht früher hergezogen bin.“ Es hat ihr hier gut gefallen. Sie lebte glücklich und ging glücklich ins Jenseits. Mit 76 Jahren.

 

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